Tabularasa

Paul Ronzheimer ist ein Arschloch. Er ist nicht so geboren und wurde nicht so gemacht. Hat sich aber irgendwann entschieden in die wichtigste deutschsprachige Arschlochschmiede einzutreten und lernte unter so schlimmen Fingern wie Kai Diekmann oder Julian Reichelt Menschenfeindlichkeit als Menu of the Day so gut anzurichten, dass er heute als stellvertretender Chefredakteur wichtig sein darf.

Bei Bedarf wird er Kriegsreporter, am liebsten mit Sonnenuntergang, das garantiert Sendezeit und Bildschirmpräsenz und wenn man bei der Vierbuchstaben-Zeitung arbeitet, braucht man dazu nicht einmal die journalistische Qualität, die zum Beispiel eine Frederik Pleitgen hat, wenn der für CNN berichtet. Ronzheimer zieht selbst zum Pommesholen Camouflage und Helm an und sieht damit so aus, wie ein Putin mit Karnevalskappe. Wie er seine Geschichten baut, wie sie gehen, immer gehen, gehen müssen, demonstriert er bei Markus Lanz, dem wichtigsten Dampfplauderbalkon in dieser Republik. Er malt ein Bild, sein Bild. Sie beginnen immer mit Ronzheimer, immer steht er im Mittelpunkt, immer er, nur er. Ronzheimerberichte sind immer Berichte über Ronzheimer.

 

Er beugt sich vor und erzählt Markus Lanz, wie er mit seinem Reporterfahrzeug auf der ukrainischen Autobahn Richtung Kiew unterwegs ist und beschreibt es so: 100.000de Auto fliehen Richtung Westen und auf seiner Spur nur er mit seinem Auto in Richtung Front, Richtung Kiew, Richtung Krieg. Ronzheimer zieht in den Krieg. Was für ein Stück heldenhafter journalistischer Mut. Das soll hängenbleiben, das ist der Trick. Mach aus einer nachvollziehbaren Situation eine exklusive dramatische Heldenminute. Natürlich ist der Verkehr Richtung polnischer Grenze in diesen Tagen stärker als sonst, natürlich gibt es mehr Gründe in diese Richtung zu fahren als andersherum, aber er fuhr eben nicht allein, tausende Fahrzeuge mit Produkten, mit Versorgungsaufträgen, Autos die mit Zielen Richtung Kiew unterwegs waren. Aber das liest sich halt langweilig. So versucht Ronzheimer Geschichte zu schreiben, in dem er Ego-Geschichten erfindet und erzählt.

 

Den Ronzheimern nicht das Feld überlassen, sie als Falschspieler entlarven, wenn sie als Friedensengel getarnt Credits sammeln, um dann in gemütlicher bundesdeutscher Sicherheit gegen Andersseiende und Hergeflüchtete herziehen. Das wäre auch meine Aufgabe gewesen in den letzten Monaten.

Aber ich hab nichts gesagt, immer weniger geschrieben, nur geguckt.

 

Es ging nicht. Es ging so nicht. Nicht in diesen Tagen und fast hatte ich das Gefühl, dass sich meine Lust auf Hoffnung, Kraft und Morgen verflüchtig, als ob durch einen Nagel in einem Autoreifen, der immer wenn sein Kopf auf der Strasse abrollt und in den Asphalt gedrückt wird, ein bisschen Luft rauslässt. Also nicht ruckartig oder schnell schleichend, sondern unmerklich. Fast unmerklich. Und dann stehst du zwei oder drei Wochen später vor dem Auto und denkst ‚da ist doch etwas anders?‘.

 

Spätestens am 24.02. war bei mir die Lust raus. Hab dann noch versucht dagegen anzuschreiben, aber doll war es nicht. Mein ganzes Leben war irgendwo Krieg und ich hab die Welt im Kopf nie in «hier» und «bei denen da» eingeteilt gekriegt, ich habe mich nie dran gewöhnt und bin auch heute noch davon überzeugt,

dass wenn es einen Tag auf der Welt gibt an dem die Waffen schweigen, dass das auch an zwei, drei oder mehr als drei Tagen geht.

 

Aber dann ist es doch ein Unterschied, wenn es zwei Grenzen weiter darum geht, wie und ob es überhaupt weitergeht. Wenn ein Scheißsystem einem anderen Kacksystem in die Suppe pinkeln will. Bei uns heißen die Oligarchen Musk, Bezos, Zuckerberg und Gates und machen was und wen sie wollen und haben allein das Glück, dass wir ihnen unseren mal mehr mal weniger demokratischen Arsch hinhalten. Auf der anderen Seite hält sich ein Oberarschloch mit Hilfe seiner Oligarchen, die Demokratie ganz weit vom Hals und verschafft sich mit einem staatlich organisiertes Eroberungs- und Ermordungsprogramm Einflusssphären, die niemanden in seinen Einflussbereich satter oder glücklicher machen können. Im Gegenteil, die Welt wird ärmer und hungriger, viel mehr Menschen werden an den Folgen dieser unsäglichen und sinnlosen Schlachtbank sterben, als dort selbst mit mehr oder weniger Waffen umkommen.

Und was durchgeknallte, aber eben nicht irre, Kriegstreiber brauchen, sind vor allem angststarre weggedrehte Aussenstehende. Mir ist genau das passiert. Der Mund stand offen. Die Augen starrten auf die Fußspitzen. Die Wörter waren weg. Und es kamen keine Neue.

Ich stehe da in meiner Geschichtenerzähler-Garage, das Tor ging ganz langsam zu und verdeckte immer mehr vom brennenden und schreienden Horizont und irgendwann war halt zu. Scheinruhe. Ich, in meiner Garage, umgeben von Werkzeug, nutzlosen Fahrzeugen und kein Fenster nach draussen. Nicht lustig. Denn da draussen geht alles so weiter. Tag um Tag, Monat um Monat. Ronzheimer um Ronzheimer.

Mein Kopf, mein Herz, mein Bauch sind voller Geschichten, Erfahrungen, Möchtegerntexten, sie sind mein Beitrag zum 100 Mrd. Sondervermögen zur Verteidigung der Aufklärung und einer respektvollen und gerechten Demokratie, deshalb mach ich das Garagentor wieder auf. Draussen lauern die Ronzheimer und andere Antiaufklärer, wir müssen sie zurückdrängen.

Wort um Wort.