Weisenkinder

Als ich heute durch die Hamburger Marktstrasse laufe, bleibt mein Auge an einem Stolperstein vor dem Haus 94 hängen. Er beschäftigt sich mit Nathan Dan Croner. 

Nathan Dan würde in diesen Tagen irgendwas um die 84 werden. Vielleicht würde er ein entspanntes Leben gelebt haben oder ein anstrengendes, vielleicht sogar beides. Und er würde sich am Wochenende auf den Besuch seiner geschätzten sieben Enkel und vielleicht auch schon zweier Urenkel freuen. Würde ihnen wie immer Geschichten erzählen, warum ein Leben in Liebe, verwegenen Abenteuern und mit Lernfehlern hilft Unterschiede zwischen Menschen nicht als Bedrohung, sondern als spannende Inspiration zu verstehen. Und warum es sich deshalb lohne, Eltern zu werden und Großeltern, ja sogar Urgroßeltern, zumindest aber alt, wenn es geht auch sehr alt.  

Daraus wurde nichts.  

Nathan Dan durfte gerade mal 3 Jahre alt werden. Dann holten ihn unsere Großeltern aus seinem Zuhause in der Marktstrasse und luden ihn in dunkle Waggons, die von anderen Großeltern zu einem Lager gefahren wurden, in dem uniformierte Großeltern mit einem Fingerzeig seine Mutter und ihn in ein Gebäude schickten, in dem sein Leben auf eine grausame Weise beendet wurde, mit einer Chemie, die von einseitig schlauen Großeltern entwickelt worden war. Sein kleiner Rest wurde noch am selben Tag verbrannt. 

Er ist weg, aber Fragen bleiben: 

Waren unsere Großeltern Nazis, weil sie sich nicht entgegen stellten, als die Führerkult-Hooligans Menschen an den Haaren aus Hauseingängen schleiften und sie mit Tritten und Schlägen von Schlagstöcken und Gewehrkolben Richtung Sammelstelle zum Abtransport in Lager, in die Vernichtung trieben? 
Waren unsere Großeltern Nazis, weil sie regelmässig Laken mit hässlichen Haken aus dem Fenster hingen, weil sie es gut fanden, oder um nicht unangenehm aufzufallen und weil es die anderen auch taten? 
Waren unsere Großeltern Nazis, als sie ihren Kinder halb erlaubten, halb befahlen zu den Treffen der Führerjugend zu gehen, um sich dort mit Vernichtungsphantasien aufzuladen, um die dann ein paar Jährchen weiter in ganz Europa auszuleben? 
Waren unsere Großeltern Nazis, weil sie es befürworteten oder still aushielten, das alles was kritischen Geist enthielt, Bücher, Bilder, Bühnenstücke, ruckartig verschwand und alles Fröhliche, Freche und Freundliche mitnahm?  
Waren unsere Großeltern Nazis, weil sie nicht in den lebensbedrohlichen Untergrund absetzten und stattdessen bibbernd auf der Küchenbank sassen und auf Nachricht von ihren Söhnen warteten, die irgendwo sinnlos als Kanonenfutter arbeiteten?  

Ich habe keine Ahnung ob sie alle Nazis waren, oder wurden, oder nur mit- oder wegliefen, in der Zeit in dem sich dieses Land lustvoll in Blut und Schuld suhlte und danach in Vergessenheit hüllte. Das spielte dann auch keine Rolle mehr.  

 Ihr hässliches mörderisches Versagen entstand spätestens zehn Jahre zuvor, als sie Dinge sagten wie: «Diese Regierung aus Schwächlingen. Da muß mal jemand ran.» «Deren Führer ist nicht gefährlich, der redet nur so, schau mal wie der seine Leute im Griff hat, der schafft wenigstens Ordnung.» «Da ist ja was dran, was die sagen, guck mal wem der Laden da drüben gehört und der da an der Ecke, unser Zahnarzt ist auch einer.» «Ich will mal sehen was passiert, wenn ich die wähle.» 

Diese Großeltern haben zusammengebaut, was danach niemand gewesen sein wollte. 

Und was, wenn das gar nicht unsere Großeltern wären, sondern wir? Wenn das gar nicht gestern spielt sondern Morgen? Und wir jetzt wieder zehn Jahre zuvor sind und eigentlich die Großeltern der Zukunft sind. 

 Nathan Dan hilft das nicht. Aber es gibt genügend Menschen, die unseren Schutz brauchen. 

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