Wunderkindereien

Meine Söhne sind natürlich die tollsten der Welt. Das Schicksal teilen sie vermutlich mit allen anderen Söhnen und Kindern auf dem Planeten. Trotzdem bin ich seit vielen Jahren komplett schockverliebt, wenn ich einem von ihnen begegne. Hin und wieder erwischen sie mich aber dabei, wie ich einsehen muß, dass dieses Gefühl nicht immer ausreicht, um die Magie des Aufwachsens unter schwierigen Bedingungen zu verstehen.

 

Und in diesem System in dieser Welt, in der diir immer klarer wird, dass Du der Herzballon in der Hand des Mädchen auf dem Bild von Banksy bist, das gerade Richtung Rahmen geschreddert wird, während von aussen Gebote gerufen werden.

 

Diese Söhne sind genauso weihnachtsirre wie alle anderen, auch wenn einige Prozeduren bei uns etwas anders laufen. Da gehört natürlich dazu, dass wir die Kirche schwänzen, um mit Menschen, die im Alltag den Bodensatz dieser Gesellschaft bilden, wenigsten für ein paar Stunden das gemeinsame Gefühl zu haben, etwas Besonderes zu sein. Gutes tun, statt gut zuzuhören. Dazu gehört auch ein Spaziergang, inzwischen mit Hund, bei dem jeder den anderen seine Version der Weihnachtsgeschichte erzählen kann, ohne Zensur und ohne Pardon. Der Hund braucht nicht. Ich habe zwei irre Geschichten gehört, vielen Dank.

 

In diesem verseuchten Jahr fanden die Jungs in einem ihrer Adventskalendergebommel eine Aufgabe, eine Challenge, die deshalb heftig war, weil der Veranstalter sich Aufgaben ausgedacht hatte, auf die er selbst auch nur seinen Antworten hatte, aber gewiß keine verbindlichen. Es war also ein offenes Rennen.

 

Der heranwachsende, der unter Nähe- und Berührungsverboten heranwächst (und wer nimmt in der Pubertät schon gerne seine Eltern in den Arm?) bekam die Aufgabe 13 Mythen herauszufiltern, die Eltern gerne als heiße Luft an ihre Kinder weitergeben, um sich einen Vorsprung zu bewahren, der Jüngere, dessen Metier eher dicke Bücher und griechische Halbgötterwelten sind, die er ohne große Schwierigkeiten in Legoszenarien festhalten kann, sollte beantworten, warum Albert Einstein zwei verschiedene Körpergrößen in offiziellen Dokumenten angeben hatte.

 

Einen Woche vor Weihnachten sah ich die Herren Söhne hin und wieder gedankenschwer an ihren Schreibtischen sitzen und mit und ohne digitalen Support an Antworten feilen. Und ich dachte dabei, eigentlich machen wir hier schon seit Jahren Homeschooling, wir hatten nur keinen Namen dafür. Brauchten wir auch nicht, denn den drei deutschen Devisen «Das haben wir schon immer so gemacht.» « Das haben wir noch nie so gemacht.» «Da könnte ja jeder kommen.» habe ich die drei entwicklungspolitischen Leitsätze «Alles gute kommt vom Loben.» «Gut wisen kommt nur, wenn das Ahnen Spass macht.» «Vordenken durch Nachdenken.» entgegengesetzt, ohne auch nur einmal drüber nachzudenken, ob das korrekt ist.

 

Ehrlicherweise muß ich dazu sagen, dass ich gedroht hatte, dass es Geschenke nur gäbe, wenn die jeweilige Challenge erfolgreich unterm Weihnachtsbaum abgeliefert würde. Allerdings wissen die Jungs, dass Drohungen in diesem Haushalt keine Chance haben, weil sie zu weiten Teilen aus heißer Luft bestehen und der Rest sich aus Unsicherheit und Wunschdenken zusammensetzt.

 

Als wir vor der Lichtertanne standen, hatten die beiden ihre Lösungen fein aufgerollt und mit einem bunten Band zusammengebunden (was niemand gefordert hatte) und stritten sich, wer beginnen dürfe. Der Jüngere gewann, weil er gedroht hatte, den Hund als Geisel zu nehmen.

 

Seine Aufggabe war es der welt unbeantworteten Frage, warum es in Albert Einsteins Dokumenten zwei unterschiedliche Angaben über seine Körpergröße gäbe, eine erste Antwort zu geben. Er entrollte sein Blatt, räusperte sich kunstvoll und las vor:

 

«Es war ihm relativ egal.»

 

«Das ist relativ kanpp.» sag ich.

 

«Es ist relativ wahr.» sagt er lächelnd.

 

Ein kurzer, aber ein großer Text, der es auf sich nahm, nebenbei den ganzen Einstein und sein Wirken zu durchleuchten, ob mit Absicht oder per Zufall, wird sich zeigen. Applaus und raus. Der Nächste bitte.

 

Der Große läßt sich auf das Sofa fallen, verschränkt die Beine zu einem Yogisitz und entfaltet seine 13 Entmystifizierung von Elterngeschummel:

 

«Erstens - Der Storch bringt die Babies.

 

Zweitens - Von der Glotze kriegt Ihr viereckige Augen.

 

Drittens - Das Weiße von der Wassermelone ist giftig.

 

Viertens - Bei Schluckauf denkt jemand an Dich.

 

Fünftens - Schluck keine Obstkerne, dann wächst ein Baum im Bauch.

 

Sechstens - Mama und Papa gehen auch gleich ins Bett.

 

Siebtens - Der Vogel schläft nur.

 

Achtens - Kaugummi verklebt den Magen.

 

Neuntens - Vom Popeln gibt’s größere Nasenlöcher.

 

Zehntens - In Deinem Alter hab ich sowas nicht gemacht.

 

Elftens - Licht an beim Lesen, sonst gehn die Augen kaputt.

 

Zwölftens - Von Möhren sieht man besser.

 

Dreizehntens - Der frühe Vogel fängt den Wurm.»

 

Mindestens drei dieser Erwachsenen-Mythen habe ich auch schon benutzt, an die anderen kann ich mich gut erinnern. Aber jetzt bin ich dankbar, dass ich jedes Jahr deutlicher merke, was für ein Geschenk coole Kinder sind. Und die werden ja besser, nicht schlechter, mit den Jahren, wie Wein. Was ja auch so ein Mythos ist.

 

Klar gab es Geschenke fett und schmutzig, der Hauptgewinn war aber: kein Einziges per amazon, das war in diesem Jahr die Herausforderung und möglichst viel von Händlern im Umkreis von zwei S-Bahnstationen. Das war meine Challenge und sie hat funktioniert.

 

Auch der Hund ging nicht leer aus, eine neue Schlafhöhle, zwei gekreuzte Möhren, ein beißfestes Knabbertau, das die Auseindetzung mit den Backenzähnen von Dustin nach drei Stunden verloren hat und dieser ultrasweete ebenfalls reißsichere Pangolin, der nur eine Schwachstelle hatte: Das aufgestickte Lederlogo der Hipsterwerkstatt, das sich an den Hundebesitzer wendet und nicht an die nagelspitzen Hauer eines Hütehundes,. Die Halbwertezeit des Pangolin lag unter dreissig Minuten. In dieser Zeit hat der Hund allerdings relativ viel Spaß. Wir auch.

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